Ich entdecke nichts Zerbrechlicheres auf der Welt als die Liebe

Zögernd nur nähere ich mich. Zögernd, als könnte ich mit meiner Aufmerksamkeit verletzen, betaste ich die Unfertigkeit der Welt mit meinen Augen. Zwischen den Dingen sind Fäden gesponnen, die zerfallen könnten, wenn ich sie wahrnehme. Ich stehe still. Ich höre auf zu atmen. Schließe die Augen und wage, nichts mehr zu wollen. Ich weiß nicht, was sein wird. Aber das ist nicht wichtig, weil sich in diesem Moment eine Tür ins Verborgene auftut. Wenn die Liebe Zerbrechlichkeit ist und ich aus Liebe geboren wurde, dann bin ich im Tiefsten meiner Seele zerbrechlich. Dann aber darfst du mich niemals halten. Versuche nie, mich zu sehen, wie ich gestern war. Wenn du liebst, versuche die Augen zu schließen und nichts zu wollen als Nähe. Wenn du möchtest, dass Zukunft geboren wird, dann stelle sie dir nicht vor. Sonst ist deine Zukunft schon Vergangenheit, bevor sie geboren ist. Wenn du die Liebe willst, suche Verborgenheit und beginne zu tasten und zu fragen. Die Liebe stellt ständig Fragen: Wer bist du? Wer bist du heute? Wie war dein Tag? Die Liebe wird die Antwort nicht kennen. Aber die Liebe will jede Antwort annehmen. Es war gut. Es war Nacht. Es war Sturm. Es war zart. Die Liebe hält dich, und sie bleibt – bleibt bei dir. Und dann wird sie sprechen, wie zum Abschied. Den Weg, spricht die Liebe, den du vor dir hast, kennt keiner. Nie ist ihn einer so gegangen, wie du ihn gehen wirst. Es ist dein Weg. Unauswechselbar. Du kannst dir Rat holen, aber entscheiden musst du. Höre auf die Stimme deines inneren Lehrers. Eine jede Begegnung unter uns beginnt dann, wenn wir in Liebe leben, mit dem Wissen um die Zerbrechlichkeit. Mit dem Wissen um die Verletzlichkeit. Das einzige aber, was die Liebe wirklich von dir wissen will, ist, wo sie dich halten kann. Wo du Stütze brauchst. Wo du Begleitung brauchst auf dem Weg, für den du dich entschieden hast. Wer sich an der Liebe festhält, so als könne man sie greifen, so als könne man sie besitzen, so als könne man sie bewahren, und sie bliebe immer dieselbe Liebe, der hat sie zerbrochen noch bevor er die Hände wieder öffnet.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Marion+Ronald (Donnerstag, 04 August 2016 09:23)

    wir haben die sehr tiefsinnigen philosophischen Betrachtungen mehrmals intensiv gelesen und sind von Deinen Gedanken sehr beeindruckt. Die Reflektionen sind je nach Natur des Menschen ganz bestimmt zutreffend. Weiter so !!!